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Neustadt/W. im August 2016: Die Jury von gute aussichten 2016/2017, ...
... die von Josefine Raab geleitet wurde (Foto: Herlinde Koelbl) und sich ...
... hier, komplett, achtköpfig präsentiert
September 2016: 6 der 7 gut gelaunten "Auserwählten" & Josefine Raab (r.)
Wenn das Negativ zum Positiv wird: Miia Autios "Variation of White"
Immer auf Augenhöhe ins Bild gesetzt: Die "Boys" von Chris Becher
Marmor, Gold & jede Menge Samt: "Marmarilo" von Carmen Cartuti
Mit 78 Laubsägebäumen: Andreas Hopfgartens "Weltesche Yggdrassil..."
Konterkarierte Symbole Afrikas: "Last Chance Junction" von Holger Jenss
Ein magisches, dunkles Universum: "Tenebrae" von Quoc-Van Ninh
Julia Steinigeweg, die mit den Puppen spielt, und dabei für uns ein ...
... "verwirrendes Potenzial" ausmacht
Ab November im Handel: Der gute aussichten Katalog - mehr Bilder, mehr Infos & guter Gossip auf 224 Seiten

Im 13. Jahr von gute aussichten wählte die Jury sieben Arbeiten aus: Integriert euch doch alle selbst!

gute aussichten – junge deutsche fotografie // new german photography 2016/2017 – die sieben Preisträger/innen und ihre vielfältigen Arbeiten, die uns einladen das Fremde im Eigenen und das Eigene im Fremden zu entdecken

 

Die einen, wie die in Finnland geborene Miia Autio und der aus Tübingen stammende Holger Jenss, sind nach Afrika gereist, um die Fremde zu erfahren. Fremde unter Fremden. Die anderen, wie Chris Becher, Julia Steinigeweg und Andreas Hopfgarten, haben vor ihrer Haustür nachgeschaut, was sie an Fremdem ent­decken. Reichlich, können wir sagen. Carmen Catuti, in Rumänien geboren, in Berlin lebend, war in Georgien unterwegs – eine bild­gewaltige Aus­beute. Quoc-Van Ninh, in Deutschland geboren und aufgewachsen, der Vater Vietnamese, die Mutter Chinesin, hat zwar Vietnam besucht, doch die Fremde, die er immer in sich trägt, war dort genauso vorhanden wie hier – dunkel und verklärt. Allen gemein ist: Sie, die Fremden, finden im Fremden immer einen Teil von sich selbst – das Eigene. Was ihnen – und uns – auf den ersten Blick, den ersten Klick, so fremd, entwurzelt, mystisch oder rätselhaft scheint, verkehrt sich bei genauer Betrachtung – und wie ließe sich das besser bewerkstelligen als mit einer Kamera – ins Gegenteil. Fremd bleibt nur das, wovor wir die Augen verschließen.

„Integriert euch doch alle selbst!“, scheinen die Bilder von gute aussichten 2016/2017 dem Betrachter zuzurufen, „und entdeckt dabei die Fremde und das Fremde in euch.“ Wer immer nur auf das vermeintlich EIGENE referiert und das FREMDE aussperrt, kommt noch nicht einmal bei sich selbst wirklich an, geschweige denn bei irgend jemand anderem. Das Leben ist, philosophisch betrachtet, eine Reise durch Raum und Zeit. gute aussichten 2016/2017 lädt zu dieser Reise ein. Damit wir selbst, unsere Gesellschaft, unsere Kultur lebendig bleiben, bedarf es des Wandels – eines Wandels, der das „Alte“ immer wieder mit dem „Fremden“ vereint und so „Neues“ hervorbringt.

 

Die Einreichungen & die Jury

77 gültige Einreichungen aus 32 Institutionen erreichten uns für den Wettbewerb gute aussichten – junge deutsche fotografie 2016/2017. An der Jurysitzung, die im Domizil von gute aussichten in Neustadt/Weinstraße stattfand, nahmen teil: Stefan Becht (Neustadt/W.), freier Journalist und Mitbegründer von gute aussichten, Dr. Wibke von Bonin (Köln), Autorin, Kulturjounalistin und Kunsthistorikerin, Herlinde Koelbl (München), international renommierte Fotografin, Mario Lombardo, Art Director, Bureau Lombardo (Berlin), Thomas Neumann (Düsseldorf), Fotograf und gute aussichten 2004/2005 Preisträger, Josefine Raab (Neustadt/W.), Kunsthistorikerin und Gründerin von gute aussichten, Amélie Schneider (Hamburg), Bildchefin des Magazins NEON sowie Ingo Taubhorn, Kurator am Haus der Photographie, Deichtorhallen (Hamburg).

 

Am Ende des Sichtungstages wurden sieben Arbeiten und Preisträger/innen ausgewählt. Wir bedanken uns an dieser Stelle sehr herzlich bei allen beteiligten Hochschulen, Einreichern und Professoren sowie den Jurymitgliedern für ihre Teilnahme, ihr Engagement und ihre tatkräftige Unterstützung.

 

Die Preisträger/innen & ihre Arbeiten

Die sieben Preisträger/innen von gute aussichten 2016/2017 und ihre Arbeiten, wie immer, ganz schlicht nach ABC geordnet:

 

Miia Autio // Variation of White // Fachhochschule Bielefeld

Dunkelhäutige Frauen und Männer in bunter Kleidung bevölkern die Porträts von Miia Autio und verorten diese Menschen in unserem westlichen Blick nahezu instinktiv in Afrika. Irritation erregt jedoch sofort ein roter Punkt an der immer gleichen Stelle. Auch die röntgenartige Optik, die sich in „unser“ Bild drängt, signalisiert, dass unser Eindruck und der wahre Bildgegenstand vielleicht nicht übereinstimmen. Denn nicht das Positiv, sondern das Negativ wurde für den Abzug verwendet. Und dieses sorgt dafür, dass wir schwarze Menschen sehen, die in Wirklichkeit weiß sind. Ein genetischer Defekt hat aus ihnen Albinos gemacht, was in Tansania mit dem Glauben an magische Kräfte verknüpft ist und die Betroffenen zu Außenseitern der Gesellschaft stempelt. So behandelt ‚Variation of White‘ in erster Linie das sub­jektive Sehen und das Entstehen von Bildern in unserem Kopf, das nach vergleichbaren Mustern abläuft wie die Bildung von Vorurteilen.

 

Chris Becher  // Boys // Kunsthochschule für Medien Köln

Um vorgefertigte Bilder und klischeebehaftete Meinungen geht es in ‚Boys‘ von Chris Becher. Dieses Sujet ist ein besonderes Minenfeld, denn Menschen, die professionell ihren Körper anbieten, umgibt in der Vorstellung der „Normalbürger“ ein schmuddeliges, zwiespältiges Image. Es ist schnell die Rede von einem halbseidenen Milieu mit zwielichtigen Protagonisten. Dabei handelt es sich um ein Gewerbe, das so alt sein dürfte wie die Welt. Je nach kulturhistorischem, politischem oder religiösem Kontext schwankt die öffentliche Meinung zwischen Akzeptanz, Ablehnung, Kriminalisierung oder Verfolgung. All dieses hat Chris Becher mit seiner fotografischen Feldstudie elegant umschifft. Indem er uns männliche Sexarbeiter auf gleicher Augenhöhe in sachlichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigt, lenkt er unseren Blick auf die Menschen, die im Fokus seiner Untersuchung stehen. Und indem er jegliche Bewertung bewusst vermeidet, öffnet er auch unseren Blick für eine wertfreie Betrachtung.

 

Carmen Catuti // Marmarilo // Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig

Marmor, Gold, Samt und Seide sind Materialien, die in sakralen Kontexten zur Inszenierung von Heiligkeit und Spiritualität dienen. Ihre Kostbarkeit illustriert göttliche Allmacht und Präsenz. Hinzu gesellt sich ein Kanon von Formen, Gesten und Haltungen, der sich im Lauf der Jahrhunderte in der christlichen Bildpraxis etabliert hat. Auf dieses Dreigespann aus Material, Geste und Form referiert ‚Marmarilo‘ (georgisch für Marmor). Gegliedert in zwölf Werkgruppen, befragt, zitiert und interpretiert Carmen Catuti die Zeichensprache religiöser Repräsentanz. So schimmert das Blau als Verweis auf das Göttliche im Bildnis einer jungen Frau, in einem Faltenwurf oder als Dekor für liturgische Artefakte. Gegenspieler ist das Rot, in der Bibel die Farbe für Sünde und Sühne, verknüpft mit Strafe, Krieg und Tod. Im Rot schließt sich der Kreis, ganz im bildhaften Sinne des Wortes – als Metapher und als Versprechen des Ewigen.

 

Andreas Hopfgarten // Die Weltesche Yggdrasil oder die Suche nach einer verlorenen Erinnerung // Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg

Aus Briefen, Dokumenten, Erzählungen, Fotos und anderen Fundstücken konstruierte Andreas Hopfgarten‚ ,die verlorene Erinnerung‘ seiner Familie aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und unmittelbar danach. Ein hybrides Puzzle mit vielen Leerstellen, das er, einem Archäologen gleich, Stück für Stück ausgräbt, zusammensetzt und mit eigenen Bildern und Objekten füllt. Hopfgartens Vorgehensweise kann als exemplarisch gelten, speist sich unsere Erinnerung doch aus einer Vielzahl von Bruch- und Versatzstücken gelebten Lebens. Sich erinnern ist nie ein faktischer Akt, sondern ein Hineintauchen in die Sedimente unserer Seele. Dorthin, wo wir Angst, Freude, Glück, Liebe, Schmerz und Verlust vergraben, alles  Erlebte speichern wie in einer Blackbox. Ein Geruch, ein Klang, ein Bild vermögen diese Box zu öffnen und uns zu vergegenwärtigen, dass Erinnerungen tief verwurzelt sind in unserem Sein ­– wie die ‚Weltesche Yggdrasil‘, der Weltenbaum, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umgreift.

 

Holger Jenss // Last Chance Junction // Kunsthochschule Kassel

Ein weißer Europäer fährt nach Afrika – das erweckt in uns Bilder von Forschern und Eroberern, von „Wilden“, denen Kolonialisten Kultur brachten, von Versklavung, Hunger und Krieg, von Dr. Grzimek, Safari und postkolonialer Afrikaromantik.Nichts von alledem hat Holger Jenss aus Ghana mitgebracht, und doch steckt all das in ‚Last Chance Junction‘. „Critical Whiteness“ ist eines der Stichwörter, dem Jenss auf die Spur kommen wollte. Er war in Ghana die Minderheit. Der Weiße, der mit einem Blick nach Afrika kommt, in den unausweichlich all jene Bilder eines Kontinents geflossen sind, der seit der Antike von fremden Mächten heimgesucht wird. So setzt sich Jenss in (selbst)ironischer Weise mit diesen Sedimenten unseres kollektiven (Bild-)Gedächtnisses auseinander und nimmt dabei nicht nur seine eigene kulturelle Aneignung, sondern auch die kuriose Verinnerlichung der weißen Kultur seitens der Afrikaner aufs Korn.

 

Quoc-Van Ninh // Tenebrae // Hochschule für Künste Bremen

Was aktuell moralisch wie politisch für gehörigen Sprengstoff sorgt und zwischen den verschiedenen Fronten zu einem Granulat aus bizarren An- und Aussprüchen zermahlen wird, betrachtet Quoc-Van Ninh in ‚Tenebrae‘ trotz seiner inneren Zerrissenheit mit einer gewissen Gelassenheit. Er hat die gratwandlerische Aufgabe, sich zwischen drei verschiedenen Kulturkreisen zu bewegen: Sein Vater ist Vietnamese, seine Mutter aus China und er in Deutschland geboren und aufgewachsen. Es begleite ihn stets ein Gefühl der Fremde, sagt er, und ich möchte ihm zurufen: „Mich auch!“, bin ich mir doch gar nicht so sicher, ob ich stets auf jene Kultur referieren möchte, die qua Geburt und Familienhintergrund nur deutsch ist. Quoc-Van Ninh ist gerade ob dieses Hin-und-her-Geworfenseins ein gelungenes Beispiel dafür, dass Integration immer dann gelingt, wenn nicht verlangt wird, alle „fremden“ kulturellen Wurzeln zu kappen. Die subjektive Verortung ist bisweilen unbestreitbar schwer, aber sie ist integrativer Bestandteil jeder Sozialisation. Es ist gut, Quoc-Van Ninh in die dunkle Welt seines gefühlten Andersseins zu folgen,erzählt sie uns doch in jedem Fall auch etwas über uns selbst.

 

Julia Steinigeweg // Ein verwirrendes Potenzial // Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg

Puppen haben eine lange Tradition – im Kinderzimmer wie in der Kunst. Im Kinderzimmer wird spielerisch das Leben an ihnen geübt. In der Kunst dienen sie als Modell, als Artefakt oder Objekt, als Projektionsfläche oder als lebensechte Skulptur. Julia Steinigeweg untersucht ein Phänomen, das irgendwo dazwischen angesiedelt ist: Lebensgemeinschaften mit Puppen – als Partner- oder Kindersatz, möchte man instinktiv hinzufügen und bezweifelt sogleich, ob dies so stimmt. Viele Gründe können Menschen dazu bewegen, ihr Leben mit einem lebensechten, aber nicht lebendigen Gegenüber zu verbringen. Die Rollen zwischen Mensch und Puppe jedenfalls sind klar verteilt. Einerseits. Anderseits stellt sich die Frage, in welche Art der Beziehung ein erwachsener Mensch zu einem leblosen Objekt treten kann und will. Und wie reagieren wir auf ein solches Phänomen? Kinder jedenfalls lieben und hassen ihre Puppen, behandeln sie wie ihresgleichen und benehmen sich ihnen gegenüber manchmal auch sehr schlecht. Also durchaus: ‚Ein verwirrendes Potenzial‘.

 

Summa summarum präsentiert gute aussichten – junge deutsche fotografie // new german photography 2016/2017 über 280 Motive, sechs Videos, drei Publikationen, zwei Diaprojektionen, ein Buch und erstmals 78 laubgesägte Holzbäume, einen Duschvorhang und einen Baum aus Papier & Tusche als Objekt.

 

Im 13. Jahr seines Bestehens zeigt gute aussichten 2016/2017 eine inhaltliche, ästhetische, mediale und formale Bandbreite, wie sie die junge Fotografie in Deutschland hervorbringt. Ein Spektrum überraschend vielfältiger Ideen, Überlegungen und fotografischer Strategien, formaler wie medialer Umsetzungen, die den aktuellen Status Quo der jungen Fotografie abbilden.

 

Weitere Informationen über die Preisträger/innen und ihre Werke finden Sie asap in unserem feinen Katalog und auf der Website unter ARBEITEN ----> Top sieben.

 

Der Katalog

Zu gute aussichten – junge deutsche fotografie // new german photography 2016/2017 erscheint Mitte November 2016 der gleichnamige Katalog (Deutsch/Englisch). Er stellt die sieben Preisträger und ihre Arbeiten ausführlich in Wort und Bild vor, wie immer wunderbar gestaltet von pixelgarten, wird von Stefan Becht & Josefine Raab herausgegeben und ist ab Mitte November 2016 in jeder Buchhandlung, in allen Web-Stores oder direkt hier info(at)guteaussichten.org erhältlich: 224 Seiten, über 380 Abbildungen, praktisches Readerformat 16,5 cm x 24 cm, broschiert, 24,90 Euro, Sieveking Verlag, München, ISBN 978-3-944874-54-8

 

Die ersten Ausstellungen & Termine

Die Auftakt-Ausstellung von gute aussichten – junge deutsche fotografie 2016/2017 eröffnet am Freitag, den 18. November 2016 um 19 Uhr im NRW-Forum Düsseldorf (Ehrenhof 2, D-40479 Düsseldorf, Telefon/Phone +49 (0) 211 89 226 90, www.new-forum.de)

Anschließend führt uns der umfangreiche Ausstellungszyklus von gute aussichten 2016/2017 nach: Hamburg, Nicosia, Mailand, Koblenz, ....

 

Die weiteren Ausstellungsstationen und alle aktuellen Termine finden Sie asap auf unserer Website unter AUSSTELLUNGEN.

 

Eine Auswahl druckfähiger Fotografien der gute aussichten 2016/2017 Arbeiten und der diesjährigen Jury-Mitglieder steht Ihnen im PRESSEKIT zur Verfügung.